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Unzählige Gründe, warum Mentalcoaching bei Kindern wichtig ist

Eine interessante Frage erhielt ich von Diana:

Marco, wie stehst du zu Mentalcoaching bei Kindern?

Meine Antwort auf diese Frage kam bei Lesern, Spielern und Trainern gespalten an. Dirk Hordorff, DTB-Vizepräsident und Trainer von Janko Tipsarevic und Vasek Pospisil, teilte den Beitrag auf seiner privaten Facebook-Seite. Einige junge Spieler schrieben mir, wie ich auf solche Aussagen käme und ob ich mal mit jungen Tennisspielern gesprochen hätte.

Ich bin überhaupt kein Freund davon sich selbst zu erklären. In meiner Antwort ging es mir nicht so sehr darum die Jugend zu kritisieren. Ich freue mich über jeden Erfolg eines jugendlichen Spielers. Mit großem Interesse verfolge ich die Werdegänge der besten Jugendlichen in Deutschland. Es steht außer Frage, dass wir talentierte Spieler auf unseren Plätzen rumflitzen haben.

Es ging mir viel mehr darum einen Denkansatz einzubringen, der vielleicht hier und da übersehen wird. Herausragende Tennisspieler besitzen nicht nur eine tolle Technik und sind körperlich topfit. Herausragende Tennisspieler besitzen ebenso einen herausragenden Charakter. Und genau dieser wird vielleicht in der Ausbildung von jungen Tennisspielern nicht so sehr beachtet.

Was schade ist.

So. Genug der einleitenden Worte. Hier ist meine Antwort auf die Frage, wie ich zu Mentalcoaching bei jungen Spielern stehe:

Die Leistung, die Art Tennis zu spielen und die Fähigkeit Probleme auf dem Platz zu lösen, steht immer im direkten Zusammenhang mit dem Charakter des Spielers.

Wir haben in Deutschland hervorragend ausgebildete Trainer, eine professionelle Struktur, um junge Spieler auszubilden und zu begleiten. Wir spielen auf den besten Tennisplätzen und in den schönsten Akademien.

Doch wo sind unsere Topspieler?

Ich sehe Alexander Zverev und Wenn ich höflich bin sehe ich noch Rudi Molleker.

Und dann?!

Bei den Damen sehe ich keine Spielerin, die in die absolute Weltklasse vordringen kann. Carina Witthoeft, die das Talent hätte, investiert ihre Zeit leider lieber in Modebilder.

Aber warum werden Spieler und Spielerinnen aus Argentinien, Tschechien oder Bulgarien erfolgreicher als unsere deutschen Cracks?

Die kurze Antwort: weil es die Spieler aus diesen Ländern schwerer haben nach oben zu kommen.

Mentalcoaching bei jungen Spielern

Bei YouTube schaute ich vor knapp zwei Wochen eine kleine Reportage über das Nachwuchszentrum des DTB. Barbara Rittner wurde befragt, wie sich das Training so gestaltet und wie die Abläufe sind.

Sie erklärte, dass sie versuche die besten Trainer für die jungen Spieler zu bekommen. Rhythmustraining sei wichtig. Sie führte aus, dass es den Spielern an nichts fehle. Die Betreuung sei hervorragend. Inklusive Konditionstrainer, der sich ausschließlich um die körperliche Fitness kümmert.

Und in genau dieser rosaroten Welt liegt das Problem: die Spieler haben es zu gut. Kein Anreiz sich von unten nach oben zu kämpfen. Es gibt kein Motiv für die jungen Spieler sich selbst aufzuopfern um ein großes Ziel zu erreichen.

Die Entwicklung eines Charakters, der Großes erschaffen und leisten will, findet nicht statt.

Ich werde niemals vergessen, was Florian Mayer nach seinem Match vor knapp sieben Jahren bei den Australian Open gegen David Ferrer gesagt hat. „Flo“ verlor sang- und klanglos, ohne jeglichen Kampf und ohne ein Anzeichen von Wut oder Hass auf dem Platz.

Sein Kommentar nach dem Match:

Es waren über 40 Grad da draußen. Das war mir einfach zu warm.

Nach dieser Aussage flog mir beinahe der Proteinriegel wieder aus dem Mund, den ich in diesem Moment aß. Ich versuchte den Witz, die Ironie in dieser Aussage zu finden.

Vergeblich.

Diese Einstellung ist leider sinnbildlich für die Mentalität vieler, sehr vieler junger Spieler. Es fehlt an Durchsetzungsvermögen. Niemand scheint den unbedingten Willen zu haben sich aus dem ganzen Einheitsbrei an Spielern absetzen zu wollen.

Florian Mayer ist ein super Typ. Er hat tolle Leistungen gebracht. Er ist hochtalentiert und besitzt ein tolles Spielverständnis. Man stelle sich nur mal vor, was er alles hätte gewinnen und erreichen können, wenn er die Mentalität eines Killers gehabt hätte.

Die jungen Spieler heutzutage sind:

  • zu lieb
  • zu unselbstständig
  • zu verwöhnt
  • zu abgelenkt von den sozialen Medien
  • beinahe unfähig mit Konflikten umzugehen
  • nicht in der Lage Verantwortung zu übernehmen
  • abhängig von Benachrichtigungen auf dem Smartphone

Das Dilemma beginnt mit dem Willen und der klar definierten Zielsetzung. Ohne ein klar definiertes Ziel ist es schwierig einen Willen zu entwickeln.

Ich nenne diese Generation gern die „Nichts-wollen-Generation“.

Fragt man einen jungen Spieler nach seinem Ziel, erhält man als Antwort zunächst ein:

Jaaaa …

oder ein:

Ehhhhhmmm …

Gefolgt von einem zärtlichen, mit einer ausweichenden Handbewegung untermaltem:

So Top 100 wäre schon toll irgendwann mal.

Novak Djokovic hatte ein klar definiertes Ziel als Jugendlicher: Wimbledon gewinnen. Rafael Nadal hatte ein klar definiertes Ziel als Jugendlicher: jeden Punkt gewinnen. Roger Federer hatte ein klar definiertes Ziel als Jugendlicher: der beste Tennisspieler der Welt werden. Alexander Zverev hat ein klar definiertes Ziel: die Nummer eins werden und Grand Slams gewinnen.

Mentalcoaching = Schulung des Charakters

Man kann es Mentalcoaching nennen. Ich würde es die Schulung des Charakters nennen. Denn eben dieser Charakter entscheidet darüber, wie erfolgreich ein Tennisspieler wird. Da kann man soviel Rhyhthmustraining machen wie man will. Man kann die modernsten Akademien bauen. All das wird nichts bringen, wenn die jungen Spieler nicht auch charakterlich geschult werden.

Welche Eigenschaften sollten entwickelt werden, um als Leistungssportler durchzustarten?

  • Annahme von Verantwortung
  • Annahme von Kritik
  • Durchsetzungsvermögen
  • Bewältigen und kontrollieren der eigenen Emotionen
  • Zugang zu gesunder Aggression
  • Kreative Problemlösung

Das Entwickeln dieser Eigenschaften dient als Grundlage, um sportliche Ziele festzulegen und die Kraft zu gewinnen diese Ziele zu erreichen.

Rhythmustraining ist wichtig. Das Schulen des Charakters allerdings auch.

Mentalcoaching halte ich vor allem bei jungen Spielern für sinnvoll. Man sollte allerdings nicht sofort die Weisheitskeule schwingen. Dies würde einen jungen Spieler nur erschlagen. Die Grundlagen eines Charakters zu entwickeln, der die Rückschläge des Prozesses nutzt, um besser zu werden, darf gern früh begonnen werden.

Wenn du mit mir persönlich über dieses Thema sprechen willst, kannst du dies in einem (gern auch längerem) Gespräch tun.

Ich freue mich auf dich.

Autor

Marco ist Mentaltrainer und interessiert an allem, was zwischen den Ballwechseln in deinem Kopf abläuft. Wenn er mal nicht schreibt, dann analysiert er auf YouTube alte Matches von Stefan Edberg.

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